Krass: Kombattantes Boulevard hebelt Medientheorie aus

Bookmark and Share

«Die Strafanzeige gegen Sommaruga kann man nicht ernst nehmen», liess BR Widmer-Schlumpf unlängst in einer MK zum Steuerabkommen mit Deutschland verlauten. Zuvor hatte sie den Double-Bind der Realpolitik mit einer genialischen Watzlawick-Paraphrase auf den Punkt gebracht: «Man kann nicht nichts machen.» – Ja, wo kämen wir denn da hin? Und worin bestünde denn dann unsere Legitimation?

Das werden sich auch die BILD-Macher gefragt haben in dieser ansonsten recht beschaulichen Karwoche und erstatteten kurzerhand Anzeige gegen Sommaruga. Wohl genau aus diesem Grund: Weil sonst nichts los war – dass Grass seine ‚kombattante Lyrik’ aus dem Sack lassen würde, konnte zu dem Zeitpunkt ja auch kein stellvertretender BILD-Chefredakteur wissen.

Dass die «publizistische Aktion» (Blome) deshalb nicht ernst zu nehmen wäre, gilt nicht. Denn immerhin hat sie den unangenehmen Nebeneffekt, die Grossen Drei der deutschen Medientheorie auszuhebeln. Zwar sieht sich Blome mit seiner Aktion in der besten Tradition des habermas’schen öffentlichen Diskurses: «Wir wollen die Debatte in Deutschland weiter antreiben.» Mit den Worten Habermas’: Medien sind der Motor der Deliberation, also des öffentlich ausgetragenen Disputes der Bürger untereinander.

Bei allem naiven Charme sollten wir an dieser Stelle allerdings nicht aus den Augen verlieren, dass hier nicht einfach berichtet wird, sondern dass der Gegenstand von Berichterstattung vorgängig geschaffen wird. Also ein Fall für die Systemtherie?

Tatsächlich riecht das Ganze schwer nach Luhmanns Beobachtung zweiter Ordnung: Ich mach mal was, und beobachte die anderen dann beim Beobachten. Schliesslich kann man ja nicht nichts machen, wir erinnern uns.

Aber auch dieses schöne medientheoretische Setting wird von der BILD-Aktion leider ausgehebelt. Denn auch der mediale Konstruktivismus Luhmanns muss sich irgendwo aufstützen: «Wenn man eine Zeitung liest, weiß man, dass man eine Zeitung liest, und man weiß auch, dass für die Zeitung geschrieben und redigiert wird, so hält sich der mediale Konstruktivismus an die Realität seiner eigenen Konstruktionen.» Schön gesagt, aber dass ein Medium sich den Gegenstand für seine Berichterstattung gleich selbst schafft, davon ist auch bei Luhmann nichts zu lesen.

Fehlt noch die Dritte im Bunde: Noelle-Neumann mit ihrem Hit-Begriff der Schweigesprirale: «Indem die einen laut reden, öffentlich zu sehen sind, wirken sie stärker, als sie wirklich sind, die anderen schwächer, als sie wirklich sind. Es ergibt sich eine optische oder akustische Täuschung für die wirklichen Mehrheits-, die wirklichen Stärkeverhältnisse, und so stecken die einen die anderen zum Reden an, die anderen zum Schweigen, bis schließlich die eigene Auffassung ganz untergehen kann.»

Da bleibt zu hoffen, dass die BILD-Anzeige von der grass’schen Lyrik nachhaltig in die Schweigespirale befördert worden ist.

Bookmark and Share

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Sie können folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>